Benthiens Lied aus dem Jahre 1897 (Wiener photographisches Blatt)*

O schöne Knipserherrlichkeit,
Du bist nun ganz entschwunden;
Dahin ist all die goldne Zeit
Der Dunkelkammerstunden!
Ich schleiche gar betrübt einher,
Ich abgeknipter Amateur.
    O jerum, jerum, jerum
    O quae mutatio rerum!

Was soll ich noch auf dieser Welt
Der bösen Gummidrucker?
Trotz meinem blanken Silbergeld
Ward ich zum armen Schlucker.
Nicht sind die Leute mehr dem Gold,
Noch selbst dem schönen Platin hold;
    O jerum, jerum, jerum
    O quae mutatio rerum!

Mein Kodak fühlt sich auch nicht gut
In diesen schlimmen Tagen;
Er hat der Schärfe viel im Blut
Und leidet nun am Magen
Er fühlt's: Sein gutes Objektiv
Das zeichnet räumlich viel zu tief!
    O jerum, jerum, jerum
    O quae mutatio rerum!

Nun sitz ich wieder wohlgemut
Bei meinem vollen Glase
Gut ist dies Rodinal dem Blut
Und gut der blassen Nase!
Bei weisser Nase: Tiefes Leid!
Bei roter Nase: Helle Seligkeit!
Drum Freunde, lasst uns trinken
Bis wir zu Boden sinken!




* Dieser Text ist ein 'Mitbringsel' aus der Ausstellung 'Photographie um 1900', die in der Kunstbibliothek, Mathäikirchplatz 6, 10785 Berlin-Tiergarten im Zeitraum vom 25. April bis 15. Juni 2003 anlässlich des 130. Geburtstages von Fritz Matthies-Masuren stattfand.

Ausgestellt wurden Arbeiten von rund 120 Fotografen, u. a. Edward Steichen, Alfred Stieglitz, Rudolf Eickemeyer u. a.

Fritz Matthies-Masuren gehörte zu den wichtigsten Protagonisten der Kunstfotografie, die im Zusammenhang mit der Arts-and-Crafts-Bewegung entstanden ist. Es wurde mit aufwendigen Abzugstechniken und imitierten malerischen Texturen auf Kosten der Detailschärfe und der Reproduzierbarkeit experimentiert. 1897 übernahm Matthies-Masuren die künstlerische Leitung der Zeitschrift 'Photographisches Centralblatt. Internationale Rundschau auf dem Gesammt-Gebiete der Photographie'. 1898 eröffnete er dann seine erste eigene Ausstellung.


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